Politik - Die Realverfilmung der Looney Tunes

Titel Politik - Die Realverfilmung der Looney Tunes

Road Runner

Die Looney Toons veranschaulichen eindrücklich, wie die meisten Bürger Politik erleben. Um den Road Runner endlich zu erwischen, schiebt der Kojote einen schweren Amboss über eine Felsklippe. Doch es ist wie verhext. Egal wie sehr sich der Kojote bemüht, infolge eigenartiger Cartoon-Gesetze gerät er selbst unter den fallenden, von ihm selbst angestoßenen Amboss. «Kawumm!» Der Kojote hat sich selbst erschlagen, was der Road Runner mit einem «Meep Meep» goutiert. Keine Szene beschreibt die Tücke der menschlichen Politik besser.

Gefangen im Cartoon

Der Road Runner symbolisiert unsere Hoffnungen, Träume und Werte. Er steht für all das, was Politiker uns immer wieder versprechen. Naiv wie Mogli, der sich von der Schlange Kaa hypnotisieren lässt, wiederholen wir folgendes Mantra in Endlosschleife: «DIESES MAL können wir wirklich vertrauen! DIESES MAL nimmt uns endlich jemand ernst und tritt gegen alle Wiederstände für uns ein! DIESES MAL wird bestimmt alles anders!»
Spoiler: «Wird es nicht!»
Der Kojote sind wir selbst. Verzweifelt rennen wir unseren Hoffnungen und Träumen hinterher, wollen sie endlich erwischen und dingfest machen. Gut möglich, dass es nicht einmal unsere Träume sind, sondern uns von Meinungsmachern eingebläut werden. Nur damit uns die Wirklichkeit wie ein zentnerschwerer Amboss in den Boden klatscht. Immer wieder vertrauen, hoffen und versuchen wir es aufs Neue. Und jedes verdammte Mal bekommen wir die Quittung. Aus diesem Cartoon, mit den immergleichen Gesetzen, gibt es kein entkommen.

Wer schmiedet den Amboss?

Der Amboss kann als Sinnbild der Politik gelten. Schwerfällig, oft etwas rostig und schwer verdaulich. Doch von einem talentierten Schmied behauen, lassen sich damit die mächtigsten Waffen fertigen. Auf ihm werden Werkzeuge und Waffen in Form gehämmert, die wir für unser Über- und Zusammenleben benötigen. Die Politik erfüllt einen ähnlichen Zweck. Ohne Politik scheint keine Gesellschaft zu bestehen. Selbst primitivste Gemeinschaften basieren auf Regeln, Hierarchien und Aufgabenteilung. Politik ist essentiell.

Ich habe Politik seit jeher für langweilig empfunden. Meist ältere Menschen, hielten endlose Monologe über wichtige, aber komplexe Themen. Meinungen waren bereits alle gemacht und die Fronten verhärtet. Befruchtende Diskussionen, basierend auf Respekt und Kompromissbereitschaft, sucht man noch heute vergeblich. Mit einem simplen «Das ist mir viel zu kompliziert», oder: «Die werden schon wissen was sie machen», war meine innere Auseinandersetzung zum Thema Politik schon beendet, bevor sie richtig beginnen konnte.
Fehlendes politisches Interesse zeugt von ungeheurem Luxus, den sich längst nicht alle leisten können. Existenzielle Probleme, Leid oder Wut. Das sind die Zündstoffe, die das Feuer jeder Schmiede zum Überhitzen bringen kann. Doch selbst eine neue Schmiede und ein neuer Amboss sind immer noch eine Schmiede und ein Amboss. Die gleichen Probleme, in neuem Gewand.

Das Scheitern am Umstand der Dinge

Es sei in der Natur des Menschen, erst dann zu handeln, wenn etwas unausweichlich wird. Doch vermag der Mensch ebenso, die Zukunft aufgrund von Erfahrungen und Intelligenz voraus zu erahnen. Wir besitzen die Gabe, potenzielle Gefahren zu erkennen und zu verhindern. Der Kojote scheint insofern von der Vergangenheit zu lernen, dass er neue Fallen und Methoden ausprobiert, um den Road Runner zu erlegen. Es muss nicht immer ein Amboss sein. Doch an der grundlegenden Situation und den Rollen ändert sich nichts. Er bleibt der ewig Enttäuschte.
Vor Konflikten zu fliehen, ist je nach Situation schlauer als ein Angriff oder die Verteidigung. Sei das aus Schonung der eigenen Ressourcen oder schlicht der Minimierung von Risiken. Sich nicht direkt und aktiv gegen jede Bedrohung zu stellen und etwas zu unternehmen, ist mehr als menschlich.
Wie es scheint, wägt unser Überlebensinstinkt permanent ab, welche Entscheidung für uns persönlich am besten ist. «Wenn es hart auf hart kommt, dann bin ich mir am nächsten.» Von wenigen Ausnahmen abgesehen, scheint dies zu stimmen. Zumal sich viele bereits dann schon am nächsten sind, wenn es nicht hart auf hart kommt. Auch das ist menschlich.
Auf die natürliche Evolution bezogen, machen diese Mechanismen durchaus Sinn. Wie bei einem Uhrwerk greifen Zahnräder unweigerlich ineinander. Der Mensch tickt oft einfacher als angenommen. Die Berücksichtigung dieser Tatsache, wünsche ich mir nicht nur in der Politik, sondern in allen Diskussionen über menschliches Verhalten.

Wie ein blutrünstiger Sklaventreiber peitscht uns der Egoismus permanent durch den Alltag, ob uns das bewusst ist oder nicht. Wir müssen uns irgendwie Vorteile verschaffen, unser Überleben sichern und uns selbst schützen. Eigentlich nachvollziehbar. Doch das Thema hinterlässt vor Scham verbrannte Erde. Ähnlich wie eine andere überaus natürliche Tätigkeit: Sex. Alle tun es, aber nur hinter vorgehaltener Hand wird darüber getuschelt. Es ist ein Tabu.
Zudem wird egoistisches Verhalten meist negativ bewertet. Zuviel Gewicht wird nur auf unsere Gutmütigkeit gesetzt. Zu oft schwingt die Angst mit, als Narzisst zu gelten, dem alle anderen egal sind. Aber es gibt nun mal einfach Momente, an denen sind uns andere egal, sogar scheißegal.
Überdies bekommen die meisten beigebracht, sich gegenseitig zu helfen und lieber gutherzig statt eigennützig zu sein. Warum? Weil unsere Erzieher davon genauso profitieren. Ist dies nicht ebenfalls egoistisch? Scheinbare Nächstenliebe und Selbstlosigkeit, kann von Egoismus angetrieben sein. Auf den ersten Blick ist nur die Währung der eigenen Entlohnung eine andere. Statt Macht und Reichtum, erzeugt es einen Glücksmoment, oder man hofft auf gutes Karma. Gibt es überhaupt einen Unterschied, ob ich Bestechungsgeld annehme, oder jemandem über die Straße helfe?
Aber gewiss! Es fällt hierbei weniger ins Gewicht, was oder wie es getan wird. Vielmehr ist wichtig, was die Konsequenzen sind. Sind es fürs Gemeinwohl schlechte Prognosen, ist es verwerflich. So schadet Korruption und Gewalt nachweislich. Ist das Resultat gut, schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe. Wenn ich jemanden über die Straße helfe, nicht der hilfsbedürftigen Person wegen, sondern weil ich selbst Aufmerksamkeit benötige, ist das nicht boshaft. Es befriedigt alle Akteure.
Wir tun permanent Dinge aus anderen Gründen, als wir glauben. Dies ist nicht verwunderlich. Sind wir doch instinktive und zugleich hochkomplexe Lebewesen in fleischigen Körpern, geboren aus Sternenstaub. Statt sich über das Verhalten unserer Mitmenschen zu wundern, sollten wir es endlich flächendeckend akzeptieren.

Die paradoxe Akzeptanz

In modernen Demokratien gibt es Gewaltenteilung, Überwachungsorgane und Gesetze gegen Korruption und Amtsmissbrauch. Alles aus dem simplen Grund: Der Natur des Menschen ist nicht zu trauen.
Schmettern wir also die Wahrheit auf den Tisch! Wir sind gezwungen, die Gesellschaft vor uns selbst zu schützen. Und trotz fadenscheiniger Massnahmen, gibt es x-fach so viele Schlupflöcher und Möglichkeiten, die tagtäglich, völlig legal, zutiefst primitiv und egoistisch ausgenutzt werden. Wie ach so geschockt wird in den Medien darüber berichtet, wenn anrüchige Verstrickungen und Tricksereien ans Tageslicht kommen. Ein endloses empören, ein fortlaufendes Berichten, der Kojote heult im Hintergrund sein Trauerlied.
Menschen, welche die Schmiedekunst der Politik am dringendsten benötigen, sind selten diejenigen, welche die Politik orchestrieren. Die Politik wird von Personen orchestriert, die es gar nicht mehr nötig hätten, sich überhaupt dafür zu interessieren. Doch der angehäufte Luxus möchte gesichert und vermehrt werden. Auch dieses Verhalten scheint tief in uns verankert. Vermutlich angeboren statt anerzogen. Denn mehr Ressourcen als andere zu besitzen, bedeutet im Ernstfall eine höhere Überlebenschance.

Der Mensch ist ein Rudeltier. Doch die Rudel umfassen oft nur die engsten Familienmitglieder. Wir reden bei bewohnten Menschenansammlungen meist von Quartieren, Gemeinden, Städten, Kantonen usw. Man bekommt fast den Eindruck, dass eine große verbundene Gemeinschaft besteht, mit den jeweiligen politischen Ämtern in der Funktion der Leittiere. In Wahrheit streifen wir mit dem eigenen kleinen Rudel durch den Alltag. Wir versuchen, für uns und unser Rudel zu sorgen. Erst danach kommen, falls überhaupt, die anderen. Ab wann ist für ein Rudel ausgesorgt? Dem hartnäckigen Überlebensinstinkt nach, wahrscheinlich nie.
Umso wichtiger ist es, dass wir alle das Gefühl haben, ein wichtiger Teil der Gesellschaft zu sein. Eine Stimme zu haben und einen Sinn in der Gesellschaft zu sehen. Die Gesellschaft sollte unser Rudel sein. Leider scheint dies utopisch. Zu stark ist der Mensch für leichtere Beute anfällig. Die utopischen Konstrukte stürzen in sich zusammen.
Was auch nicht außer Acht gelassen werden sollte, ist die Eitelkeit unserer Spezies. Jedes Gesetz und jede Schutzmaßnahme ist ein Schuldeingeständnis mehr, nicht unfehlbar zu sein. In einer gekünstelten Welt, durchsiebt vom Wahn der Selbstdarstellung und Selbstoptimierung, ein starker Kontrast.

Die Bank gewinnt immer

Ich stelle mir vor, wie junge Politiker, vollbepackt mit guten Absichten, das Ruder rumreißen möchten. Nur um dann im Räderwerk der Gefälligkeiten und den aufreibenden Mühlen der Politik zu kapitulieren. Sie werden vom System zu den Bösewichten geformt, die sie bekämpfen wollten.
Noch viel perfider: Um überhaupt an eine Machtposition zu gelangen, in der man etwas Sinnvolles verändern könnte, muss man viele unethische Dinge tun, die das System von einem abverlangt. Aus diesen Spinnfäden entkommt man nimmermehr. Das System gewinnt. «Meep Meep!»
Ich vermute, da greift wieder ein ähnlicher Instinkt. Nehmen wir als Beispiel verwöhnte Kinder, die alles von den Eltern bekommen was sie sich erträumen. Welches Kind sagt schon nein zum besten Geschenk der Welt? Dafür sind wir schlicht nicht ausgelegt. Da greifen Prozesse, die selbst im reifen Alter und größtem Intellekt nur schwer zu durchbrechen sind. Die Geschenke verändern sich, das Prinzip bleibt dasselbe.
Es ist wie im Casino, der urbanen Fruchtfliegenfalle unserer Zeit. Die Regeln des Casinos verunmöglichen es, dass wir alle als Gewinner aus dem Casino herausgehen. Doch man duldet es, da einige wenige davon profitieren und es uns suggeriert, jeder könnte gewinnen.

Wasser predigen, Wasser trinken

Der Mensch ist wandelbar in viele Richtungen. Ein tabuloser Umgang mit dem Thema Psychologie und Ethologie (Verhaltensforschung) ist zwingend. Jegliche Naivität gegenüber menschlichem Verhalten gehört über Bord geworfen. Instinktiv motivierte Taten sollten nicht auf Einzelfälle reduziert werden. ALLE Menschen sind anfällig für gewisse Taten und Verlockungen. Mit dem Eingeständnis der Fehlbarkeit aller, ist der erste Schritt getan. So können neue Systeme mit weniger Anfälligkeit für Missbrauch geschaffen werden. Die bisherigen Bemühungen sind scheinheilig und abhängig von denjenigen, vor denen man das System und die Gesellschaft schützen sollte.

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